Wie Meisterschwanden doch noch (fast) zu seinem Bahnhof kam
Zeitstrahl: 1916
Die Wohlen-Meisterschwanden-Bahn 1916–1997.
Den ersten Zug hatte Meisterschwanden noch verpasst. Als im 19. Jahrhundert der Bau einer Eisenbahn durch das Seetal geplant wurde, zog man zwar auch eine Linienführung über das rechte Hallwilerseeufer in Betracht. Diese Variante sollte sich jedoch nicht durchsetzen: 1883 nahm die Seetalbahn, die Lenzburg mit Luzern verband, ihren Betrieb auf der linken Seeseite auf. In Meisterschwanden befürchtete man nun, wirtschaftlich ins Hintertreffen zu geraten, galt doch ein eigener Bahnhof als Voraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung. Mit der Gründung der Dampfschiffgesellschaft sollte 1888 der Anschluss ans Bahnnetz immerhin indirekt gelingen.
Bereits damals diskutierte man die Idee einer direkten Bahnverbindung vom Limmattal über das Freiamt ins Seetal. Zwischen Wohlen und Bremgarten existierte bereits eine Linie. Nachdem der Abschnitt zwischen Bremgarten und Dietikon 1902 als Strassenbahn eröffnet worden war, brauchte es mehrere Anläufe, bis ab 1905 auch das Bahnprojekt zwischen dem Freiamt und dem Seetal ins Rollen kam. Als Alternative wurde auch ein Automobilbetrieb geprüft, aus wirtschaftlichen Gründen aber verworfen. Kurze Versuchsbetriebe waren unbefriedigend ausgefallen, nur schon die Abnützung der damaligen Vollgummireifen liess hohe Kosten erwarten. Der technische Stand der Automobile und die nicht dafür ausgebauten Strassen mit Kiesbelag sprachen ebenfalls dagegen. Eine mögliche Verbindung von Wohlen über Meisterschwanden bis nach Boniswil mit Anschluss an die Seetalbahn wurde ebenfalls aus finanziellen Gründen fürs Erste verworfen.
Bis die acht Kilometer lange Wohlen-Meisterschwanden-Bahn am 18. Dezember 1916 ihren Betrieb aufnehmen konnte, waren diverse Hürden zu überwinden. Die Linienführung gab ebenso zu reden wie Überlegungen zur Rentabilität. An der Finanzierung beteiligte sich der Kanton, der für 200'000 Franken Aktien der Betreibergesellschaft zeichnete. Die Gemeinden übernahmen einen Anteil von 500'000 Franken, Meisterschwanden davon 100'000 Franken. Über Jahre kontrovers diskutiert wurde die Frage der Spurweite, wobei sich die Verfechter einer Normalspur gegenüber einer Schmalspurvariante durchsetzten. Lokalpolitisch delikat war zudem die Namensgebung, kam doch die Endstation im Gemeindebann von Fahrwangen zu liegen. Man einigte sich darauf, den gemeinsamen Bahnhof Fahrwangen-Meisterschwanden zu nennen, Meisterschwanden tauchte dafür im Namen der Bahn auf.
Spätzünder mit Ablaufdatum
Welche Hoffnungen man mit dem vergleichsweise späten Eintritt ins Bahnzeitalter mitten im Ersten Weltkrieg verband, zeigt ein Blick in die Freiämter Zeitung vom 17. Dezember 1916: «Mitten im Kriegstoben ist in unserer engeren Heimat ein Werk entstanden, das für die berührten Gemeinden und einen weitern Umkreis die Erfüllung sehnlichster Wünsche bedeuteten. Mehr als zwanzig Jahre lang musste gearbeitet werde, unzählige Hindernisse waren zu überwinden, damit auch den aufstrebenden Gemeinden zwischen Bünz- und Seetal gleichsam der Weg in die weite Welt geöffnet werden konnte.» 1917 hiess es im Fremdenführer des Verkehrsvereins: «Die grossen Umwege vom Hallwilersee nach der Metropole Zürich fallen jetzt weg durch diese neue Bahnverbindung, die ein grösseres, reiches Gebiet nun endlich befähigt, in seiner industriellen Entwicklung sich mitzubeteiligen am grossen kommerziellen Wettbewerb.»
Während Personen- und Gütertransport anfänglich in ungefähr gleichem Rahmen zu den positiven Betriebsergebnissen der Wohlen-Meisterschwanden-Bahn betrugen, machte sich das rasche Wachstum des motorisierten Individualverkehrs nach dem Zweiten Weltkrieg durch rückläufige Passagierzahlen bemerkbar. Der Güterverkehr jedoch nahm mittelfristig zu, auch dank neuer Unternehmen, die sich an der Bahnlinie ansiedelten. Mit Unterstützung von Bund und Kanton investierte man Mitte der 1960er-Jahre nach einem halben Jahrhundert Betrieb in eine umfassende Modernisierung. Dabei kam es zur Umstellung von Gleichstrom- auf Wechselstrombetrieb.
In den 70er-Jahren geriet die Bahn unter Druck. Hohe Betriebsdefizite und ungünstige Zukunftsprognosen brachten den Kanton dazu, eine Umstellung auf Busbetrieb ins Auge zu fassen. Der Widerstand in der Region gegen eine Stilllegung war gross, sodass sich der Grosse Rat dagegen aussprach. In den 90er-Jahren kam das Ende der Wohlen-Meisterschwanden-Bahn doch: 1997 wurde der Personen-, 1999 auch der Güterverkehr eingestellt. Das Unternehmen sattelte auf den Bus um, dieser fuhr nun auch tatsächlich bis nach Meisterschwanden. Nach zwei Fusionen 2001 und 2018 wird die Linie heute von der Aargau Verkehr AG betrieben. (sst)
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Der Bahnhof Fahrwangen-Meisterschwanden war die Endstation der Wohlen-Meisterschwanden-Bahn. (Sigrist, S. 5) -
Das Projekt einer rechtsufrigen Seetalbahn via Meisterschwanden kam nicht zustande, Plan von 1872. (Schweizerisches Bundesarchiv, E53#1000/893#5007*) -
Die Bahn wurde im Dezember 1916 eröffnet. (Sammlung Gemeinde Meisterschwanden) -
Die Wohlen-Meisterschwanden-Bahn 1966 unterwegs bei Villmergen. (Sigrist, S. 37) -
Gleichstromtriebwagen am Bahnhof Fahrwangen-Meisterschwanden in den 60er-Jahren, vor der Umstellung auf Wechselstrom. (Born, S. 51)
Hier geht es weiter:
- Bärtschi, HansPeter; Dubler, Anne-Marie: Eisenbahnen. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS)
- Leutwiler, Ernst B.: WohlenMeisterschwanden-Bahn. Geschichte, Rollmaterial. Zürich 1986
- Sigrist, Sandro: Elektrische Bahn WohlenMeisterschwanden. Leissigen 1998.
- Born Hans: 50 Jahre WohlenMeisterschwanden-Bahn 1916-1966. Bremgarten 1966.
- Neuhaus, Josef: WM WohlenMeisterschwanden-Bahn: Festschrift zum 75-Jahr-Jubiläum 1916-1991. Wohlen 1991.
- Führerstandmitfahrt auf der WohlenMeisterschwanden-Bahn von Wohlen bis Fahrwangen-Meisterschwanden vom 24. September 1985.
- https://eingestellte-bahnen.ch/wohlen-meisterschwanden-bahn-wm/