Die Sage vom Schwimmer Willi zu Meisterschwanden
Zeitstrahl: 1856
Verschiedene Sagen und Legenden aus dem Seetal sind überliefert. Die meisten von ihnen sammelte Ernst Ludwig Rochholz (1809-1892). Er flüchtete als 24-Jähriger in den Aargau, nachdem ihn das Königreich Bayern aus politischen Gründen ausgewiesen hatte. Hier machte er sich einen Namen als Lehrer an der Kantonsschule Aarau, wo er während drei Jahrzehnten deutsche Sprache und Literatur unterrichtete. Daneben machte sich Rochholz verdient um die Erforschung der Aargauer Geschichte.
In der Nachfolge der Brüder Grimm sammelte er Sagen aus dem Kanton Aargau und der Schweiz. Eine davon spielt in Meisterschwanden und ist besonders tragisch:
«Am Hallwilersee im Dorfe Meisterschwanden lebte das reiche Bauernmädchen Lisa. Sie hatte bis jetzt alle Bewerber, die aus ihrer Gemeinde um sie freien wollten, hartnäckig abgewiesen, und wenn nun ein Jüngling aus der Nachbarschaft als Bewerber erschien, so wussten die aufgebrachten Burschen zu Meisterschwanden genug Mittel, ihm diese Besuche zu vereiteln, ja sogar lebensgefährlich zu machen.
Da kam nun aber einer aus dem jenseits des Sees gelegenen Dorf Beinwil, der fand einen neuen Weg in das bewachte Nachbardorf und kein Neider vermochte diesen zu entdecken oder ihn abzuschneiden. Willi (Wilhelm) war ringsum der geübteste Schwimmer, und wenn er nachts über die halbstündige Breite des Sees zu Lisa hinüber schwamm, so hatte das Mädchen in ihr Fenster, welches gerade dem Ufer zuging, ein Licht gestellt, und unverwandt blickte dann Wilhelm nach jenem freundlichen lieben Zeichen.
So konnte er lange und unbemerkt ‘zu Licht gehen’ und die Eifersüchtigen verlachen. Allein es waren einst noch in später Stunde Verwandte zu Lisa gekommen, die wider Erwarten lange ihren Besuch ausdehnten und von ihr, dem einzigen Kinde des Hauses, nicht vernachlässigt werden durften. Zu dieser Zeit hatte Willi am anderen Seeufer schon die Kleider auf den Rücken gebunden und sich den wohlbekannten ruhigen Wogen wieder anvertraut.
Schon war er seinem Ziel nicht mehr fern, er hörte es am Anschlagen der Hunde, da war plötzlich das Licht erloschen, dessen Schein er über sich am Ufer suchte. Die Dunkelheit des Gewässers, die peinigende Ungewissheit über die Geliebte, über das Ausbleiben ihres Freundschaftszeichens führten ihn in die Irre. Er ermüdete mit einem Mal und versank.
Inzwischen war Lisa vom Gespräch mit ihren Verwandten losgekommen und in ihre Kammer hinaufgeeilt. Da entdeckte sie mit wahrem Schrecken, dass ein Windzug die Kammertüre schon vor ihr geöffnet und das Licht in der Laterne gelöscht hatte. Als es immer später wurde und der Erwartete sich dem Haus noch nicht näherte, stiegen die bangsten Ahnungen in ihr auf. Sie konnte es nicht länger ertragen. In der Finsternis der Nacht und allein lief sie über die steilen Ufer hinab und rief so lange über das Wasser, bis ihr die Stimme versagte.
Sobald man daheim die Tochter vermisste, liefen Knechte und Mägde nach allen Seiten aus, sie zu suchen. Aber es schon spät am Tag, da man das sterbende Kind drunten am See bei der Leiche Wilhelms fand. Noch jetzt wird diese Begebenheit an den Ufern des Hallwilersees als ein wirkliches Erlebnis erzählt.»
Die Sage ist zum besseren Verständnis in Sprache und Orthographie angepasst.
Hier geht es weiter:
- Rochholz, Ernst Ludwig: Schweizer Sagen aus dem Aargau. Erster Band, Nr. 20. Aarau 1856 (Reprint Zürich 1989).
- Eintrag im Historischen Lexikon der Schweiz zu Ernst Ludwig Rochholz