Tennwil wird Teil von Meisterschwanden
Zeitstrahl: 1899
Eingemeindung von 1900 auf Geheiss des Kantons
Es war keine reine Liebesheirat zwischen Meisterschwanden und Tennwil. Der Zusammenschluss der beiden Gemeinden per 1. Januar 1900 wurde vom Kanton über die Köpfe der Einwohner hinweg beschlossen. Er war Teil einer eigentlichen Fusionswelle im Aargau: Zwischen 1898 und 1900 verfügte der Kanton insgesamt zehn «Verschmelzungen» von Gemeinden, wie man das damals nannte. Der Regierungsrat reagierte damit auf die Problematik, dass kleinen Gemeinden oft mit finanziellen Schwierigkeiten kämpften und mit den wachsenden administrativen Aufgaben überfordert waren.
Auch die Gemeinde Tennwil litt unter einer hohen Steuerbelastung und hatte Mühe, alle öffentlichen Ämter zu besetzen. So zeigten sich die Einwohner offen, als der Regierungsrat 1895 die Frage stellte, ob sich Tennwil mit einer Nachbargemeinde vereinigen lassen wolle. Die Gemeindeversammlung beschloss mit 31 zu 13 Stimmen, folgende Erklärung abzugeben: «Der kleinen Gemeinde Tennwil ist eine Vereinigung mit der nahe gelegenen, finanziell gut bestellten Einwohnergemeinde Meisterschwanden zur politischen Gemeinde, mit gesonderter Nutzung und Verwaltung der beidseitigen Ortsbürgergüter, erwünscht, insofern Meisterschwanden hiezu einverstanden ist und dadurch die bisherige Eintracht nicht gestört werde.»
Zwei ungleiche Partner
Das Bauerndorf Tennwil war bei der letzten Volkszählung auf 218 Einwohner gekommen, das stärker industriell geprägte Meisterschwanden auf 723. Als das Fusionsprojekt im Sommer 1898 konkret wurde, schien es zunächst keine grosse Gegenwehr zu geben. Von Tennwiler Seite hiess es, eine Eingemeindung werde begrüsst. Das Dorf sei zu klein und finanziell zu stark belastet, um die Aufgaben eines geordneten Gemeindewesens richtig erfüllen zu können. Der Meisterschwander Gemeindeammann äusserte sich bei einem Treffen mit dem zuständigen Regierungsrat zwar nicht begeistert, zeigte aber Verständnis für die Fusionsidee. Ausgehend von den Strohfabrikanten der Firma Gebr. Fischer, die im Dorf eine einflussreiche Stellung hatten, erwuchs dem Projekt dann jedoch heftige Opposition.
In scharf formulierten Protestschreiben an Regierungsrat und Grossratskommission wehrten sich Gemeinderat und Bürger gegen die Fusion. Die Meisterschwander fürchteten insbesondere die zusätzliche Steuerlast, wenn sie auch noch für Tennwil aufkommen müssten: «Warum in aller Welt sollen die Einwohner von Meisterschwanden alljährlich […] mehr zahlen, weil Tennwil finanziell zurückgeblieben ist?» In Meisterschwanden argumentierte man zudem, man sei der falsche Partner für Tennwil. Man habe die Fusionsidee zunächst für den «Scherz eines Witzboldes» gehalten, schliesslich stünden die Tennwiler doch Seengen viel näher als Meisterschwanden – nur schon aufgrund der Zugehörigkeit zur dortigen Kirchgemeinde. Schliesslich wandte sich auch noch eine Gruppe von 17 Tennwilern – darunter mehrere Arbeiter der Strohindustrie in Meisterschwanden – an den Kanton. Sie befürchteten, künftig in Meisterschwanden schikaniert zu werden, und baten darum, das gute nachbarschaftliche Verhältnis nicht aufs Spiel zu setzen.
Zwei Ortschaften, eine Gemeinde
Die Kantonsbehörden liessen sich vom Widerstand gegen die Eingemeindung nicht beirren. Die vorberatende Kommission des Grossen Rates lehnte die Einwendungen als unbegründet oder zumindest als weit übertrieben zurück. In seiner Sitzung vom 25. Mai 1899 beschloss das Parlament die Fusion. Meisterschwanden wurde mit dem Hinweis getröstet, bei seiner grossen Steuerkraft werde es die finanzielle Mehrbelastung kaum zu spüren bekommen. Im Gegenteil, die Gemeinde erziele einen bedeutenden Gebietszuwachs und seine Einwohner könnten nun «an der Tennwyler Seestrasse in günstiger und aussichtsreicher Lage Hausplätze erwerben», was zuvor wegen der hohen Steuern in Tennwil nicht ratsam gewesen sei. Die Tennwiler Schule blieb bestehen, zudem billigte der Regierungsrat den dortigen Bürgern zu, die erst kürzlich angeschaffte Feuerspritze vor Ort behalten zu dürfen.
Neben den Einwohnergemeinden legte man auf Geheiss des Kantons auch die Ortsbürgergemeinden zusammen. Im Nachgang der Eingemeindung erfolgte zudem der Wechsel von Tennwil zur reformierten Kirchgemeinde Meisterschwanden-Fahrwangen. Trotz des anfänglichen Widerstands gelang die Vereinigung letztlich ohne grössere Schwierigkeiten. Der Ortsteil Tennwil hatte zwar seine politische Eigenständigkeit verloren, konnte aber dank seiner geografischen Lage eine Sonderstellung innerhalb der neuen Gemeinde bewahren. (sst)
Hier geht es weiter:
- Remund, Markus: Zentenarium der Eingemeindung von Tennwil. In: Rendez-vous à Tennwil. Festzeitung zum Beizlifest 1999.
- Steigmeier, Andreas: Die aargauische «Verschmelzungscampagne» um 1900. In: Meier, Bruno (Hg.): Zukunft Aargau 1998. Der politische Raum. Beiträge zu Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Baden 1998, S. 229–236.