Ein Meisterschwander Steinbeil macht Karriere
Zeitstrahl: 3800-2800 v. Chr.
Aus der archäologischen Schatzkiste des Hallwilersees.
Seit dem frühen 20. Jahrhundert gibt der Hallwilersee immer wieder Fundstücke aus der Vergangenheit her. Am spektakulärsten sind wohl jene aus der Jungsteinzeit, als am Seeufer und im See Siedlungen auf Holzpfählen standen. Hier lebten während Jahrhunderten Familien, die Getreide anbauten, jagten, fischten, Tiere hielten und Handel trieben. Ihre Werkzeuge aus Holz und Stein stellten sie selbst her, auch ihre Kleidung, Boote, Häuser und vieles mehr.
Es faszinieren vor allem die Funde, unter denen man sich etwas Konkretes vorstellen kann. Die Pfähle, die die Grösse der Siedlungen erahnen lassen, Überreste von Fischernetzen und Webstühlen, Keramik, ein Einbaum oder aber ein Steinbeil. Die Klinge eines solchen fand sich auf der Fundstelle vor dem Erlenhölzli in Meisterschwanden. Gefertigt aus zähem alpinem Gestein, war es das Allround-Werkzeug der Jungsteinzeit. Mit ihm liessen sich Bäume fällen und aufrüsten, Bauholz vorbereiten oder Räder, Boote und Holzschüsseln herstellen. Der Vorteil lag darin, dass sich die verhältnismässig kleine Klinge gerade wie ein Beil oder quer wie eine Dechsel an einem Stiel festmachen liess. So konnten verschiedene Arbeitsgänge einhändig oder zweihändig ausgeführt werden.
Die Klinge des Steinbeils aus Meisterschwanden datiert die Kantonsarchäologie Aargau auf eine Zeitspanne zwischen 3800 bis 2800 Jahre vor Christus. Unterdessen hat das Werkzeug Karriere gemacht, zählt zum «Schulkoffer Pfahlbauten» und reist mit anderen Gegenständen aus der Urgeschichte zu Schulklassen quer durch den ganzen Kanton Aargau.
Weltbedeutung und Schutz
So viel zu den grossen Funden. Fast noch mehr Erkenntnisse für die Wissenschaft erlauben allerdings ganz kleine Objekte. Fischschuppen etwa geben Auskunft über die damalige Tierwelt. Pilze dienten als Zunder und Medizin. Pflanzenpollen verraten viel über Flora und Klima jener Jahre. Die Eier von Parasiten geben Auskunft über den Gesundheitszustand der Menschen in den Seeufersiedlungen. Auch Koprolithen, unter Wasser erhalten gebliebene Exkremente, komplettieren das bereits präzise Bild der Pfahlbauerzeit.
Eine treibende Kraft bei der Erforschung der Seeufersiedlungen am Hallwilersee war Reinhold Bosch (1887–1973). Er unterrichtete 1913–47 als Bezirkslehrer in Seengen und arbeitete 1947-60 als erster Aargauer Kantonsarchäologe. 1918 begann Bosch seine archäologischen Forschungen, die von der Jungsteinzeit bis ins Mittelalter reichen. Seit 2011 sind beide Fundstellen auf Meisterschwander Territorium – sowohl im Erlenhölzli als auch jenes bei der «Seerose» – assoziierte Fundstellen des UNESCO-Welterbes «Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen». In der Absicht, sie zu schützen, werden sie regelmässig bei Tauchgängen überprüft.
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Das Steinbeil, das vor dem Erlenhölzli im Hallwilersee gefunden wurde, diente in der Jungsteinzeit als Allround-Werkzeug. (Foto Kantonsarchäologie Aargau) -
Der Plan von Reinhold Bosch aus dem Jahr 1921 zeigt die Lage der Fundstelle vor dem Erlenhölzli. (Bild Kantonsarchäologie Aargau) -
Kleinfunde aus dem Erlenhölzli von 1927. (Bild Heimatkunde aus dem Seetal 1927) -
Taucher kontrollieren und dokumentieren Pfahlbau-Fundstellen im Hallwilersee regelmässig. (Foto Kantonsarchäologie Aargau)
Hier geht es weiter:
- UNESCOWeltkulturerbe Pfahlbauten
- Der Pfahlbaukoffer zum Ausleihen
- Podcast zur Entdeckung der Aargauer Pfahlbauten
- Sammlung im Museum Burghalde Lenzburg
- Baur, Karl: Dr. Reinhold Bosch zum Gedenken. In: Heimatkunde aus dem Seetal, 1974, S. 310.