Ein wunderbarer Schatz in Buchform
Zeitstrahl: 1941
Meisterschwander Dorfchronik (1928–1942)
Im Gemeindearchiv von Meisterschwanden schlummert ein wunderbarer Schatz. Er trägt das Aktenzeichen A.003.1. Es handelt sich um ein mehr als zwei Kilo schweres Buch, das diskret mit Dorfchronik beschriftet ist. Mit einem Stempel wurde später der Ortsnamen hinzugefügt. Auf 256 Seiten dokumentiert die Dorfchronik das Geschehen in Meisterschwanden von Ende 1928 bis zum Frühling 1942. Es beginnt mit einer Ankündigung für die «Turnerisch-theatralische Aufführung, gegeben vom Turnverein Meisterschwanden unter gefl. Mitwirkung hiesiger Töchter & des tit. Männer» in der Turnhalle. Gesang, ein Schwank, humoristische Reigen und Barrenturnen waren am Jahreswechsel 1928/29 angesagt. Der Eintritt machte 20 Rappen aus, anschliessend lud man zum Tanz im «Löwen».
Wir kennen den Namen des Chronisten nicht. Er zitiert mehrfach aus der in Baden erscheinenden Schweizer Freie Presse. Gegründet im Jahre 1885 vom freisinnigen Nationalrat Josef Jäger (1852–1927), wurde es in den 1920er-Jahren zum Parteiorgan der neuen Bauern- und Bürgerpartei, der späteren Schweizerischen Volkspartei. Im Aargau spaltete sich diese unter Nationalrat Roman Abt (1883–1942) von den Freisinnigen ab. Auch die behandelten Themen lassen Rückschlüsse auf den Autor zu. Häufig drehen sie sich um die Landwirtschaft, die Fischerei, die Lokalpolitik, kirchliche Fragen, Statistik oder Vereinsaktivitäten. Handelte es sich um einen Bauer gesetzten Alters, der seinen Hof bereits der nächsten Generation übergeben hatte? Bricht die Chronik 1942 ab, weil der Betreffende krankheitshalber nicht mehr daran weiterarbeiten konnte?
Chroniken als Grundlage der Lokalgeschichte
Jedenfalls sind solche Chroniken typisch für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. In Zeiten rasanten Wandels versuchte man wenigstens das Geschehene zu ordnen und festzuhalten. Auch stehen diese Bücher in der Tradition der Chroniken mit Bildern und schriftlichen Erklärungen, wie sie schon in der Alten Eidgenossenschaft weit verbreitet waren. Und nicht zuletzt bildeten die frühen Dorfchroniken die Grundlage für die Darstellung der Lokalgeschichte, wie sie Pfarrer, Lehrer und Gemeindeschreiber verfassten. Gerade im Seetal wird diese Tradition bis heute sehr gepflegt – etwa durch die Historische Vereinigung Seetal und Umgebung.
Bis 1930 bereichern handschriftliche Einträge die Chronik. Wenige Male schmuggelt sich unser Chronist anonym in den Text: «7. März [1929] fand in der Turnhalle eine Landbesitzerversammlung statt betr. die Feldmauserei. Was verhandelt wurde, ist dem Chronikschreiber nicht bekannt, es wird später etwa Gelegenheit geben, näher darauf einzutreten an dieser Stelle.» Der Verfasser verfügte über hervorragende Kenntnis von Land und Leuten. Da konnte auch Dorfklatsch dabei sein. Im Juni 1929 schildert er handschriftlich die schwierigen Verhältnisse in einem der Hutgeflecht-Kleinbetriebe: «Der Chronikschreiber glaubt, es komme davon, dass die Angehörigen seitens Frau X.Y. als den schuldigen Teil am Schiffbruch der Ehe hinstellten, während die Verwandten des Z.Y. erklärten, dass seine Ehehälfte am Nichtharmonierenwollen schuld gewesen sei. Ausserdem richtete V.W. in der Hütlerei eine Huthandlung ein, wo er auf eigene Rechnung Filz- und Strohhüte verkaufte. […] V.W. besitzt in seiner Gattin eine Noblesse seltenster Art, in Kleider wie in Haarmode, Röckli bis kaum auf die Knie und Herrenschnitt.»
Aus den letzten elf Jahren klebte der Chronist allerlei Zeitungsartikel, Inserate und Flugblätter ein. Handschriftliches fehlt leider. Der allerletzte Eintrag ist eine Zeitungsmeldung vom 17. März 1942. Ein Korrespondent hielt fest, der Hallwilersee sei wieder eisfrei. «Am Abend leuchtete wieder das schon lange vermisste Blau des Sees, ein wesentlich sympathischerer Anblick als die in den letzten Tagen von den massenhaften Burgunderblutalgen vollständig rot gefärbte Eisdecke. Der Wasserspiegel ist immer noch aussergewöhnlich hoch, denn der warme Westwind hatte eine rapide Schneeschmelze zur Folge. Und nun grüssen schon in den Matten und Gärten die ersten Frühlingsblumen, die uns die tröstliche Gewissheit geben, dass auch im Völkerleben einmal der Frühling anbrechen wird.» Die anschliessenden 135 Seiten blieben leer.
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Ein Schatz in Buchform, die Meisterschwander Dorfchronik (1928–1942). (Gemeindearchiv Meisterschwanden, GAMei A.003.1) -
Während gut zwei Jahren kommentierte der namentlich nicht bekannte Chronist das Dorfgeschehen. (Gemeindearchiv Meisterschwanden, GAMei A.003.1) -
Zeitungsartikel, amtliche Bekanntmachungen, Inserate und Flugblätter dokumentieren die Jahre von 1931 bis 1942. (Gemeindearchiv Meisterschwanden, GAMei A.003.1)