Orte der Fröhlichkeit und des Lasters
Zeitstrahl: 1637
Das Gastgewerbe zwischen Dorfwirtschaften und Seehotels.
Das Gastgewerbe war in Meisterschwanden über weite Teile des 20. Jahrhunderts klar strukturiert. Da gab es die Wirtshäuser im Dorf, die teilweise auch Gästezimmer anboten und denen als Begegnungsorte vor allem lokal eine wichtige soziale Funktion zukam. Und dann gab es mit der Seerose und dem Delphin die beiden Betriebe am Hallwilersee, die sich im Lauf der Jahrzehnte von einfachen Wirtschaften und Pensionen zu Hotels und Restaurants mit überregionaler Ausstrahlung entwickelten. Hinzu kamen ab der Zwischenkriegszeit saisonale Beizen in den beiden Strandbädern.
Als Brennpunkte des gesellschaftlichen Lebens, als Orte der Fröhlichkeit und des Lasters zugleich, unterstanden die Wirtshäuser stets einer engen Kontrolle der Obrigkeit. Die älteste bekannte Wirtschaft im heutigen Gemeindegebiet geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Die Herren von Hallwil bewilligten um das Jahr 1637 den Betrieb einer Taverne in Tennwil – eines Gasthauses also, das Speis und Trank servieren und Übernachtungsgäste beherbergen durfte. Dieses Wirtshaus wurde 1736/37 durch einen Neubau an der Strasse nach Seengen abgelöst: Im Restaurant Tanne sollten bis ins frühe 21. Jahrhundert Gäste bewirtet werden.
Salzstation im Schwanengut
Als erste Wirtschaft im Dorf Meisterschwanden wurde 1799 – zur Zeit der Helvetik – die Taverne zum Schwanen bewilligt. Das damals neue Gebäude, das als Teil des Schwanenguts noch heute existiert, diente rund hundert Jahre lang als Gasthof. Beliebt war er insbesondere als sogenannte Salzstation: Hier konnten Fuhrleute bei ihren Salztransporten von den Salinen am Rhein in die Innerschweiz übernachten und ihre Pferde einstellen. Nach einem Anbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfügte das Gasthaus auch über einen Tanzsaal.
Zu den ältesten Gaststätten gehören zudem der Löwen im Dorfzentrum und die 1848 entstandene «Körberen» am Seeufer, spätestens ab 1880 bekannt als Seerose. Daneben entstanden im 19. Jahrhundert verschiedene Eigengewächswirtschaften, die mit dem Rückgang des Rebbaus wieder verschwanden. Auf eine solche geht möglicherweise der Delphin zurück, der um 1850 als «Wirtschaft in den Reben im Gebiet Delphin» aktenkundig wurde. Mit der Linde (auch Restaurant Fischer) und der Traube, die aus der Bäckerei Gautschi hervorging, wurden noch vor 1900 am Kirchrain zwei weitere Gasthäuser eröffnet. Das Rütli an der Hauptstrasse, das später auch die Pfyfebar betreiben sollte, folgte nach der Jahrhundertwende. In der Tennwiler Schmiedstube betrieb die Bäckerei zudem bis 1933 eine Kaffeewirtschaft.
Seerestaurants mit überregionaler Ausstrahlung
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen die meisten Gaststätten in Verbindung mit einem Bauernbetrieb. Das war auch bei den beiden Wirtschaften am See nicht anders. Die Seerose (bis in die 1960er-Jahre) und der Delphin führten zudem ihren eigenen Fischereibetrieb und machten sich einen Namen mit ihren Fischspezialitäten.
Das Restaurant Delphin, seit 1927 in der Hand der Familie Fischer, wurde 1961 nach einem umfassenden Um- und Ausbau mit Hotelbetrieb wieder eröffnet. 1980 konnte der Betrieb um dem benachbarten Fischerhof erweitert werden, weitere Modernisierungsschritte folgten. Neben dem Tagestourismus beherbergt das Seehotel sowohl Private als auch Geschäftsreisende.
Die Seerose brannte an Pfingsten 1971 bis auf die Grundmauern ab. 1975 kaufte Walter Suhner das Grundstück und eröffnete 1977 den neuen, grösseren Hotel- und Restaurantbetrieb. Ein weiterer Brand an Heiligabend 1998 machte eine weitere umfangreiche Renovation nötig. Mit zwei Erweiterungsbauten 2003 und 2013 erfolgte der Ausbau zum Seerose Resort & Spa mit Wellnessangebot und mehreren Restaurants. Als Balance Hotels expandierte der Betrieb im Besitz der Familie Suhner zu einer interkantonalen Hotelgruppe.
Mit dem Löwen und der Traube bestehen noch zwei der traditionellen Restaurants im Dorf. Der Indian Food Court im ehemaligen Café Speuzli an der Hauptstrasse hat sich ebenso wie die beiden Restaurants Cocon und Samui-Thai im Seerose Resort der internationalen Küche verschrieben. (sst)
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Der Gasthof Löwen im frühen 20. Jahrhundert. (Sammlung Gemeinde Meisterschwanden) -
Die Geschichte des Gasthofs «Zur Tanne» – hier im Jahr 1904 – reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. (Sammlung Gemeinde Meisterschwanden) -
Blick in die Gaststube des Restaurants Seerose, undatiert. (Sammlung Gemeinde Meisterschwanden) -
Restaurant und Pension Delphin im Jahr 1943. (Sammlung Gemeinde Meisterschwanden)
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- Müller, Felix; Dubler Anne-Marie: Gasthäuser. In: Historisches Lexikon der Schweiz, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016323/2006-11-20/
- Siegrist, Jean-Jacques: Meisterschwanden-Tennwil. In: Der Seetaler. 100 Jahre unabhängige Lokalzeitung für das aargauische Seetal und Umgebung. Jubiläumsbeilage September 1966.
- Hotel Seerose
- Hotel Delphin