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Als der Lastwagen im Hallwilersee versank

Zeitstrahl: 1963

Volksfest und Tragödie bei der Seegfrörni von 1963

Menschen am und auf dem gefrorenen Hallwilersee
Die Seegfrörni lockt im Winter 1963 viele Menschen auf den Hallwilersee. (Sammlung Gemeinde Meisterschwanden)

Im Winter 1963 ereignete sich in Meisterschwanden ein Unglück, das landesweit für Schlagzeilen sorgte. Am Abend des 28. Januar beobachteten zwei Buben aus dem Dorf, wie beim «Delphin» ein Lastwagen auf den zugefrorenen Hallwilersee hinausfuhr. Kurz darauf war vom See her ein krachendes Geräusch zu vernehmen. Dann waren die Rücklichter des Gefährts plötzlich verschwunden. Die Buben rannten ins nahe gelegene Restaurant und schlugen Alarm. Wenig später stand fest: Der Lastwagen war auf dem Eis eingebrochen und im See versunken.

Taucher und Zuschauer bei der Bergung des versunkenen Lastwagens
Taucher und Zuschauer bei der Bergung des versunkenen Lastwagens. (StAAG, Ringier Bildarchiv, RBA1-1-23167)

Die beiden Insassen, zwei junge Familienväter aus Villmergen, hatten keine Chance zu überleben. Wie sich herausstellte, waren die beiden Angestellten einer dortigen Bau- und Transportfirma nicht mehr ganz nüchtern gewesen, als sie sich mit dem neun Tonnen schweren Henschel-Lastwagen ihres Arbeitgebers aufs Eis gewagt hatten. Am nächsten Tag machten sich die Spezialisten der Zürcher Seepolizei an die Bergung der Toten. Der See war an der rund 60 Meter vom Ufer entfernten Einbruchstelle bereits wieder zugefroren, und das Eis musste aufgebrochen werden. Die Schaulustigen waren so zahlreich, dass die Polizei nur mit Mühe verhindern konnte, dass noch weitere Personen einbrachen. Die Taucher fanden den Lastwagen auf dem Seegrund, die Toten daneben. Das schwere Fahrzeug wurde noch in der Tiefe in die Nähe des Ufers gezogen, wo er fast unbeschädigt aus dem Wasser gehoben wurde.

Blick-Titelseite mit Bericht über das Unglück
Der «Blick» berichtet am 30. Januar 1963 auf der Titelseite über das Unglück. (Sammlung Gemeinde Meisterschwanden)

Der See wird zum Fest- und Spielplatz

Das tragische Ereignis überschattete das Volksfest, das sich dank der Seegfrörni entwickelt hatte. Eine ausserordentlich lange Kälteperiode hatte den Hallwilersee erstmals seit 1929 wieder komplett zufrieren lassen: Nach einem kalten Dezember sorgte eine stabile Hochlage zwischen Island und Russland dafür, dass im neuen Jahr äusserst kalte und trockene Polarluft von Norden her nach Mitteleuropa vorstiess. Die Temperaturen im Mittelland lagen im Januar rund fünf Grad unter dem damaligen langjährigen Mittel. Selbst grössere Seen wie der Zürichsee und der Bodensee froren zu. Auf dem Hallwilersee bildete sich in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar eine Eisdecke. Am 17. Januar schrieb das «Aargauer Tagblatt», das Eis sei nun acht bis zwölf Zentimeter dick.

Seegfrörni 1963 auf dem Hallwilersee
Seegfrörni 1963 auf dem Hallwilersee. (Sammlung Gemeinde Meisterschwanden)

Das Naturspektakel zog an den folgenden Tagen viele Menschen an. Spaziergänger tummelten sich auf dem See, der nach Schneefall stellenweise gereinigt wurde, damit Schlittschuhlaufen und Eishockeyspiel möglich blieb. Spontan wurden Verpflegungsstände eingerichtet. Am Wochenende vom 26./27. Januar wurde zudem Skijöring betrieben, bei dem sich Skiläufer von Autos über das Eis ziehen liessen. Die kantonale Polizeidirektion entschied deshalb am Montag, auf dem See aus Sicherheitsgründen ein allgemeines Fahrverbot zu erlassen. Den Unfall konnte sie damit nicht mehr verhindern: Als der Beschluss am folgenden Tag bekannt gemacht wurde, waren die beiden Männer im Lastwagen bereits tot.

Seegfrörni 1963 auf dem Hallwilersee
Seegfrörni 1963 auf dem Hallwilersee. (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hintermann)

Die Eisdecke auf dem Hallwilersee hielt sich 1963 noch bis in den Frühling hinein. Eine Seegfrörni in diesem Ausmass hat es seither nicht mehr gegeben. Bis in die 1980er-Jahre kam es jedoch regelmässig, danach noch vereinzelt vor, dass sich auf dem See zumindest stellenweise tragfähiges Eis bildete. (sst)

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