«Sofort antworten, wenn die Zentrale aufläutet.»
Zeitstrahl: 1893
Erste Telefonanschlüsse in Meisterschwanden seit 1893
1880 ging in Zürich das erste Telefonnetz auf dem Kontinent in Betrieb. Zum Einsatz kam der kurz zuvor patentierte Telefonapparat des englischen Erfinders Graham Bell (1847–1922). Bis 1891 entstanden schweizweit rund hundert Ortsnetze, die zu einem nationalen Netz zusammenwuchsen. Laut dem Telefonbuch von 1893 gehörten Meisterschwanden und Tennwil zur Netzgruppe Aarau und zum Ortsnetz Wohlen, das 19 Anschlüsse zählte. Als hiesige Abonnenten führte das Verzeichnis auf: die Strohmanufakturen Hans Fischer & Co und Fischer Gebrüder & Co sowie Jakob Gautschis Speisewirtschaft und die Strohhutfabrik Siegrist & Fischer.
Wer bei einem der vier Anschlüsse anrufen wollte, rief die eigenen Zentrale an und verlangte die gewünschte Verbindung. Telefonnummern gab es damals noch nicht. Deshalb war die manuelle Vermittlung bis nach dem Ersten Weltkrieg üblich. Für diese Tätigkeit stellten die Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) ausschliesslich ledige Frauen ein. Das «Fräulein vom Amt» blieb so während Jahrzehnten eine Konstante des Telefonierens. Ebenso die häufigen Störungen der wackligen Verbindungen.
Bereits 1894 entstand unter den Namen Fahrwangen-Meisterschwanden eine Zentralstation, die an Werktagen von sieben bis zwölf Uhr, von zwei bis sechs Uhr und abends von acht bis halb neun in Betrieb war. Sonntags waren die Betriebszeiten kürzer. In der Zentralstation konnten auch Privatpersonen ohne eigenen Apparat Telefongespräche führen. So kosteten dreiminütige Gespräche nach Aarau, Bremgarten oder Wohlen 30 Centimes. Die Zentrale vermittelte auch die Verbindungen für die Abonnenten.
Die Zahl der Anschlüsse stieg nur langsam, denn Abonnement und Gesprächskosten waren für Private sehr teuer. Dafür erhielt jeder Anschluss 1911 eine eigene Nummer. Wer also bei Frau Witwe Siegrist im Gathof Löwen anrufen wollte, verlangte bei der Vermittlung «Meisterschwanden 16». Im Jahr 1926 gab es bereits 26 Telefonanschlüsse im Dorf, abgesehen von den erwähnten Fabriken und Gastwirtschaften setzten immer mehr Gewerbetreibende – von der Autogarage Helios über den Velohändler Rissi bis zur Metzgerei Siegrist und der Schreinerei Steiger – auf die moderne Technik. Auch die Landwirtschaftliche Genossenschaft sowie Gemeindekanzlei und Zivilstandsamt waren jetzt telefonisch erreichbar.
Das Telefon überholte bald den Telegraphen und musste als neue Technologie der Bevölkerung erklärt werden. Entsprechend lauteten die Instruktionen von 1910 der Schweizerischen Telegraphen- und Telephon-Verwaltung: «Beim Aufruf von Abonnenten aller Netze ist der Zentralstation die in der Abonnentenliste links von Namen stehende Anrufnummer anzugeben.» Nach dem Gespräch galt es, die Leitung zu unterbrechen. So lautete der Ratschlag: «Man bittet, kräftig abzuläuten.»
Vom Aufläuten und Abläuten
Offenbar verlief die Vermittlung über die Zentral nicht immer reibungslos, weshalb das Telefonbuch von 1929 den Hinweis enthielt: «Bei Anständen mit der Telephonistin die Aufsicht verlangen!» Im gleichen Jahr erhielt Meisterschwanden unter der Nummer 37 eine eigene öffentliche Sprechstation. So konnte auch telefonieren, wer kein Abonnement hatte. Allerdings musste man dies persönlich tun, denn Telefonate wurden nicht mitgeteilt. Dies gehörte nicht zum Auftrag des Betreibers der öffentlichen Sprechstation.
Zehn Jahre später schellten schon 50 Telefonapparate im Dorf, wobei auch die Feuermeldestelle, die Käserei und das Gemeindeammannamt über einen eigenen Anschluss verfügten. Auffällig ist, wieviele touristische Einrichtungen angeschlossen waren, namentlich die Privatpension «Seehalde», die Schifffahrtsgesellschaft oder das Strandbad.
1950 wurden in Meisterschwanden 99 und in Tennwil ein Dutzend Telefonanschlüsse gezählt. Der Eintrag im Telefonbuch war längst zu einem Prestigeobjekt geworden. Beispielsweise warben die Gebrüder Bruno, Libero, Mario, Giulio und Luigi Manazza, zuhause in der «Villa Manazza», für ihre Dienste als Musiker. Andere liessen zwischen Namen und Nummer ihren Titel und ihre Funktion setzen: Lehrer, Gemeindeverwalter, Schweinehändler, Fabrikant, Webermeister, Krankenschwester oder Kapitän. Zwar gab es damals landesweit eine halbe Million «Telefonteilnehmer», aber noch immer musste die Bevölkerung zum richtigen Telefonieren angehalten werden. «Sofort antworten, wenn die Zentrale aufläutet.», lautete die barsche Anweisung.
1959 war die schrittweise Automatisierung, welche die Selbstwahl der Nummer des Gesprächspartners durch die Abonnenten ermöglichte, landesweit abgeschlossen. Die PTT teilten die Schweiz in 52 Netzgrupp ein, Meisterschwanden erhielt die Vorwahl 057. Diese galt bis 1995.
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So sahen die ersten Telefonapparate aus, wie sie auch als Zentralstationen zum Einsatz kamen. Dieses Modell von «L.M. Ericsson – Stockholm» gilt als erstes Tischtelefon der Welt und wurde von 1892 bis in die 1930er Jahre produziert. Wegen seiner markanten Form erhielt es den Spitznamen «Dackel». -
26 Telefonabonnenten verzeichnet das Telefonbuch von 1926. Wer beispielsweise bei Konditormeister Gustav Gautschi eine Hochzeitstorte bestellen wollte, verlangte bei der Zentrale «Meisterschwanden 99». (Telephonbuch 1926) -
Solche Telefonapparate waren ab 1950 in Gebrauch. Es handelt sich um das «Modell 50 schwarz» aus dem Werkstoff Bakelit. Fünf Jahre später gab es ein crèmeweisses Modell in der gleichen Form.
Hier geht es weiter:
- Historisches Lexikon der Schweiz, Eintrag zu Telefon
- Museum für Kommunikation (Hg.): Telemagie. 150 Jahre Telekommunikation in der Schweiz. Zürich 2002.
- Wer in Schweizer Telefonbüchern von 1880 bis 1950 blättern oder seine Grosseltern suchen möchte: historic.localsearch.ch/search?/search