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«Seegfrörni» zum Ende der «Goldenen Zwanzigerjahre»

Zeitstrahl: 1929

Waghalsige Reiter und Velofahrer auf dem gefrorenen Hallwilersee im Februar 1929

Menschenmassen tummeln sich auf den gefrorenen See
Verschiedene Fotografien. (Gemeinde Meisterschwanden)

Flugblatt Berittenes Skijöring vom 17. Februar 1929Die ältere Generation erinnert sich an die Seegfrörni von 1963. Es soll der zweitkälteste Winter seit 1755 gewesen sein. Mit dem strengsten Winter seither ist der Februar 1929 gemeint. Damals froren schweizweit fast alle stehenden und fliessenden Gewässer zu. Im Seetal waren der Hallwilersee und der Baldeggersee über Wochen so dick vereist, dass sich eine wunderbare Eisfläche für Wintersport und Erlebnistourismus bot.

Schon Mitte Januar meldete die Lokalzeitung «Anzeiger vom Lindenberg» erste zugefrorene Stellen und «eine schöne Zahl von Schlittschuhläufern auf dem glatten Eis». Die Dampfschifffahrtsgesellschaft musste ihren Betrieb einstellen. Die Schiffe sassen fest. Anfang Februar betrachtete man die Eisdicke mit gegen 15 Zentimeter für tragfähig. «Eine Freude war es für den Beobachter, gewandte Schlittschuhläufer sich in ihren Kunstleistungen produzieren zu sehen. So erregten allgemeines Interesse vier Paare, die vor dem Strandbad Meisterschwanden nach einer Radiomusik ihre wahrlich geschulten Künste zum Besten gaben.» Bald schon schlug die Stunde der Skiläufer, die sich neben Holzschlitten, Velos und Motorrädern auf dem starren See die Zeit vertrieben. Zum fröhlichen Sportbetrieb transportierte die Wohlen-Meisterschwanden-Bahn hunderte Personen aus dem halben Aargau. Von der Endstation ging es zu Fuss zum Ufer, wo sich an drei Sonntagen je geschätzte 3500 Personen aufs Eis wagten.

Gemeinderätliches Schlittelverbot vom 2. Januar 1929
Gemeinderätliches Schlittelverbot vom 2. Januar 1929. (Gemeindearchiv Meisterschwanden)

Motorräder und Pferde verboten!

Dazu liessen die Gastwirte rund um den See Schneepflüge über den See fahren. Gezogen von drei Pferden bahnten sie schneefreie Gassen von Landesteg zu Landesteg. In Ufernähe pumpte man Wasser auf die schneebedeckte Eisfläche. So entstanden glatte Eisfelder fürs Schlittschuhlaufen. Am tollsten allerdings trieben es die Seetal-Kavalleristen. Sie veranstalteten ein berittenes Skijöring. Bei diesem liessen sich Skifahrer von ihren Pferden über gut drei Kilometer Distanz ziehen – vom «Delphin» über einen Wendepunkt bei Birrwil zur «Seerose». Das Spektakel für die Wintersportler und das zahlreiche Publikum war gross.

Der Anlass führte dazu, dass der Aargauer Regierungsrat alles Motorradfahren und auch das Reiten auf dem See verbot. Auch ein mit einem Propeller angetriebener Schlitten musste ruhen. Die obrigkeitliche Verfügung stiess auf Unverständnis. Gleichzeitig häuften sich die Berichte von Unfällen und Einbrüchen. Bald gingen Föhn und Regen dem Eispanzer an den Kragen. Anfang April verkehrten die Dampfschiffe wieder planmässig, pünktlich zum Osterwochenende.

Wenn auch die Winter im 20. Jahrhundert strenger, kälter und länger waren als heute, so trat im Winter 1929 doch eine extreme Wetterlage ein, die deutlich ausserhalb der Entwicklung lag. Schon im Januar zeigte das Thermometer regelmässig zehn Grad Celsius unter null – als Tageshöchsttemperatur wohlgemerkt. Im Februar folgten zwei Kältewelle mit Minuswerten zwischen zehn und zwanzig Grad. So blieb eine beachtliche Schneedecke auch im Aargau wochenlang liegen. Verantwortlich dafür war eine stabile Grosswetterlage mit einem Kaltlufthoch mit Kern über Südfinnland. Es lenkte Niederschläge nach Norden ab und steuerte sibirischen Biswind direkt in die Schweiz. So kalt gingen die «Goldenen Zwanzigerjahre» ihrem Ende zu. (pze)

Hier geht es weiter:

  • Zehnder, Patrick: Skifahren im Schenkenbergertal, Schlittschulaufen auf Reuss und Aare. Der kalte Winter 1928/29 als Ausnahmeerscheinung in der Klimageschichte. In: Brugger Neujahrsblätter 131 (2021), S. 2029.
  • Pfister, Christian: Wetterhernachsage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen (14961995). Bern 1999.
  • Pfister, Christian; Wanner, Heinz: Klima und Gesellschaft in Europa. Die letzten tausend Jahre. Bern 2021.
  • Glaser, Rüdiger: Klimageschichte Mitteleuropas. 1000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen. Darmstadt 2001.