Bedeutsames industrielles Erbe
Zeitstrahl: 1850
Fabriken und Villen als bauliche Zeugen der Strohindustrie.
Das Ortsbild von Meisterschwanden ist laut Bundesinventar von nationaler Bedeutung. Diese Auszeichnung verdankt die Gemeinde ihrem industriellen Erbe. Die Entwicklung der Strohindustrie veränderte den Charakter des zuvor bäuerlich geprägten Dorfes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert grundlegend und nachhaltig. Noch im 21. Jahrhundert zeugen zahlreiche Bauten von diesem Kapitel der Wirtschaftsgeschichte.
Bereits 1870 stellte der Pfarrer Johannes Müller in seinem geschichtlichen Porträt des Kantons Aargau fest, der neue Erwerbszweig habe dem Dorf «in auffallend kurzer Zeit eine neue Physiognomie» gegeben. In dieser Entwicklungsphase, die ungefähr bis zur Jahrhundertwende andauern sollte, entstand entlang des Dorfbachs ein ausgeprägtes Industriegebiet mit Fabrikgebäuden, Villen und Arbeiterhäusern.
Prägende Entwicklung im 19. Jahrhundert
Die älteste Produktionsanlage in Meisterschwanden ist wegen ihrer Lage im Bachtobel bekannt als «Lochfabrik». Sie stammt vermutlich aus den 1850er-Jahren, als die Gebrüder Johann Fischer-Eichenberger (1824–1893) und Jakob Fischer-Gloor (1825–1898) eine Wasserrechtskonzession zum Betrieb einer Rosshaarweberei erhielten. 1862 folgte der Bau einer Strohhutfabrik (Hüetli), 1868–70 dann die als Kontor und «Bändelihaus» bekannten Geschäfts- und Produktionsgebäude der Fischer Gebrüder am Kirchrain. Im Umfeld von Mühle und Schwanengut entstanden in den folgenden Jahren neben einem Schulhaus weitere Fabrikgebäude – darunter 1892 der Sitz der Hans Fischer & Co.
Neben dem seit 1850 bestehenden Wohnhaus von Johann Fischer-Eichenberger (Villa Dubler) liess die Familie im späten 19. Jahrhundert in einer Parkanlage zwei Villen für dessen beiden Söhne errichten. Während die eine später bis auf das Kellergeschoss abgerissen und durch ein neues Einfamilienhaus ersetzt wurde, ist die repräsentative Villa von Johann Friedrich Fischer-Weber (1861–1914) aus dem Jahr 1899 samt reicher Innenausstattung noch weitgehend im ursprünglichen Zustand erhalten. Wer der Architekt des neubarocken, heute denkmalgeschützten Gebäudes war, ist nicht bekannt. Gemäss Einschätzung der kantonalen Denkmalpflege ist die Villa Fischer-Weber «der bedeutendste Profanbau dieser Art aus der Zeit um 1900 im Kanton Aargau».
Wertvolles Ensemble und vielfältige Nutzungen
Da die Strohindustrie nach ihrem Niedergang im 20. Jahrhundert nicht durch neue Grossbetriebe ersetzt wurde, blieb ein wesentlicher Teil ihrer baulichen Zeugen erhalten. Sie bilden laut Denkmalpflege «eines der wertvollsten Ensembles von Manufakturbauten, Verwaltungsgebäuden und Wohnhäusern des 19. Jahrhunderts im Aargau».
Der Umgang mit dem architektonischen Erbe der Industrialisierung blieb nicht unumstritten, wie etwa wiederholte Debatten über das Schicksal der früheren Strohhutfabrik «Hüetli» zeigen. Im Jahr 2020 lehnte die Gemeindeversammlung einen Abriss des Gebäudes ab. Einige Fabrikgebäude werden weiterhin gewerblich genutzt. Während Kontor und «Bändelihaus» heute die Militärsammlung beherbergen, dienen die «Lochfabrik» und das 1894 erbaute «Spöitzli» inzwischen als Mehrfamilien-Wohnhäuser. (sst)
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Die Lochfabrik im Bachtobel bietet heute Wohnraum. (Gemeinde Meisterschwanden) -
Das Luftbild von 1947 zeigt die industrielle Achse mit den Fabriken links und den Fabrikantenvillen rechts. (ETH Bibliothek, Bildarchiv, Stiftung Luftbild Schweiz) -
Postkarte mit den Villen der Gebr. Fischer und links den Firmengebäuden Bändelihaus und Kontor. (Sammlung Gemeinde Meisterschwanden) -
Interieur der Villa Fischer. (Sammlung Gemeinde Meisterschwanden) -
Das alte Schulhaus neben ehemaligen Fabrikgebäuden der Hans Fischer und Co. an der Seefeldstrasse. (Simon Steiner)
Hier geht es weiter
- Haupt, Isabel: «Freude am eigenen Heim». Die dekorative Ausgestaltung Aargauer Unternehmervillen um 1900. In: Kunst + Architektur 1/2013, S. 50–58.
- Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS). Ortsbilder von nationaler Bedeutung, Kanton Aargau, Band II . Hg. vom Eidg. Department des Innern. Bern 1988.
- Kurzinventar der Kulturgüter der Gemeinde Meisterschwanden (Kantonale Denkmalpflege Aargau). Aarau 2000.
- Rodel, Gottlieb: Die Strohindustrie im aargauischen und luzernischen Seetal. Separatdruck aus der «Heimatkunde für das Seetal». Fahrwangen 1950.