«So wurde halt trotz allem Verbot gefeiert»
Zeitstrahl: 1936
Aus dem Protokollbuch der Meitlisonntag-Vereinigung Meisterschwanden
Wer hat in Meisterschwanden und Fahrwangen das Sagen? Zumindest an drei Tagen im Jahr ist der Fall klar: die Frauen! Am zweiten Wochenende im Januar gilt in den beiden Gemeinden «Weiberherrschaft». Die Tradition des Meitlisonntags geht laut mündlicher Überlieferung auf den Zweiten Villmergerkrieg von 1712 zurück, in dem die Seetaler Frauen für ihre Verdienste als Kriegerinnen vom Berner Obersten Tscharner mit einer dreitägigen Regentschaft über das «Männervolch» belohnt worden sein sollen. Wann der Meitlisonntig als wiederkehrendes Fest zum Brauch wurde, lässt sich aus den historischen Quellen nicht erschliessen. Überliefert ist nur, dass er bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts in ähnlicher Form durchgeführt wurde wie heute.
Mehr ist über die spätere Zeit bekannt. Am 20. Januar 1936 gründeten 50 Frauen und Mädchen aus Meisterschwanden und Tennwil im Gasthof zum Löwen in Meisterschwanden eine Meitlisonntagsvereinigung – und eröffneten gleichzeitig ein Protokollbuch, das einen aufschlussreichen und teils amüsanten Einblick in die Aktivitäten folgenden Jahrzehnte erlaubt. Der gewichtige Band reicht bis 1971 – das Jahr, in dem das Schweizer Männervolk den Frauen mit dem Stimm- und Wahlrecht politische Mitbestimmung auf Bundesebene zugestehen sollte.
Bereits die erste Austragung nach der Gründung der Vereinigung brachte im Januar 1937 denkwürdige Meitlitage. Der Auftakt erfolgte traditionsgemäss am Donnerstag. Im Protokollbuch heisst es dazu: «Um die Mitternachtsstunde schleppten dann die Mädchen alle Herren, welche in den Wirtschaften versammelt waren und mit Ungeduld der kommenden Stunden harrten, unter zärtlichster Behandlung auf die Strasse und veranstalteten mit ihnen einen kleinen Umzug.» In der Folge verbrachte man einige gemütliche Stunden in der Wirtschaft zur Tanne in Tennwil. Am Sonntag und Montag ging es aufregend weiter. So wurde die Fahne der Vereinigung im Beisein von Oberstdivisionär Eugen Bircher (1882–1956) geweiht. Der prominente, umstrittene Arzt und Politiker amtete als Fahnengötti. «Am Schluss seiner Rede küsste er innig unsere Fahne, aber noch inniger die Fahnenträgerin», bemerkte die Protokollantin. Die Mädchen und Frauen aus Meisterschwanden und Fahrwangen führten zum ersten Mal ein Schauspiel zu den Friedensverhandlungen von 1712 auf, das Ehrenpräsidentin Ida Suter-Matti geschrieben hatte. Für zusätzliche Spannung sorgte die Radiogenossenschaft Zürich, die eine Reportage von den Meitlitagen aufzeichnete und ausstrahlte.
«Es ist nun einmal so, dass der Meitlisonntag unserem Völklein im Blute liegt»
Für den Umzug 1938 kam die Idee auf, die Arbeit der Bauern in allen vier Jahreszeiten als Thema zu wählen. Doch wie sollte man dies umsetzen? «Für diesen Umzug braucht es eine tüchtige Leitung, und alle waren der Meinung, dass das keine weibliche Person fertig bringe.» Deshalb wurde «der ideenreiche Herr Reiss» angefragt, ob er die Leitung des Weiberregiments übernähme. Dieser sagte zu, der Umzug wurde zum Erfolg.
Ein Jahr später verbot der Bezirkstierarzt wegen der grassierenden Maul- und Klauenseuche die Durchführung des Meitlisonntags. «Doch es nun einmal so, dass der Meitlisonntag unserem Völklein im Blute liegt. So wurde halt trotz allem Verbot ein überaus lustiger und gemütlicher Meitlidonnerstag im Rest. zur Traube gefeiert.» Als die Polizei am Sonntag die unternehmungslustige Mädchenschar stoppen wollte, organisierte diese kurzerhand ein Extraschiff nach Birrwil und vergnügte sich ausserhalb der Bezirksgrenzen. «Was vermag da ein Bezirkstierarzt auszurichten, wenn den Seetalermädchen in dieser hohen Zeit ihr Blut rascher fliesst und sie ausser Rand und Band bringt?»
Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Meitlisonntag in einem kleineren Rahmen ohne Umzug gefeiert. Die Wiederaufnahme 1946 war dann von Nebengeräuschen begleitet. Die Fahrwanger Mädchen hatten den Meisterschwanderinnen auf die Anfrage für einen gemeinsamen Umzug hin eine Absage erteilt. «Es ist bedrückend zu sehen, dass fünf Jahre Krieg nicht bewirkt haben, dass sich zwei Nachbargemeinden zusammenfinden können zur Ausführung einer gemeinsamen Sache», notierte man im Protokollbuch. Eugen Bircher rief daraufhin in seiner Festrede zur Einigkeit zwischen den Nachbargemeinden wie zwischen Völkern und Nationen auf und liess durchblicken, dass ihm der Fahrwanger Umzug zu wenig traditionell gewesen sei – anders als jener in Meisterschwanden, der unter dem Motto «Meitlisonntag einst und jetzt» stand.
«Etwas mag schon wahr sein an dieser Behauptung»
Ab 1949 wurde der Umzug dann gemeinsam durchgeführt. Gelegentlich kam es noch zu Reibereien zwischen den beiden Nachbargemeinden. So wollten die Fahrwangerinnen 1951 zunächst die Marschroute verkürzen, indem man Tennwil nicht mehr berücksichtigte – woran man dort keine Freude hatte. Apropos Tennwil: Mehr als einmal kam es vor, dass die dortigen Vertreterinnen bei Versammlungen fehlten, weil die Post ihnen die Einladung zu spät zugestellt hatte.
Die Berichterstattung auch in nationalen Medien trug ihren Teil dazu bei, dass immer mehr auswärtige Besucher kamen. Gleichzeitig waren regelmässig Stimmen zu hören, dass der Brauch dadurch verwässert würde. Die Vereinigung war jedoch auf Publikum angewiesen: Der Erlös aus dem Verkauf der Strohbändeli-Abzeichen deckte die Unkosten in manchen Jahren kaum. 1954 wurde auf einen Umzug verzichtet, nachdem im Vorjahr jeweils eine Delegation der Vereinigung an der Bauernkrieg-Gedenkfeier in Wohlenschwil, an der Fête de Genève und an der 150-Jahr-Feier des Kantons Aargau teilgenommen hatte. In der Folge fand der Umzug nicht mehr jedes Jahr statt.
Zum Gelingen der Meitlitage trugen Frauen wie Männer bei, indem sie bei den Vorbereitungen tatkräftig anpackten. 1955 heisst es dazu im Protokollbuch: «Leider halfen uns bei den diesjährigen Arbeiten an den Wagen weniger die einheimischen Burschen mit, sondern eher Freunde, die in unserem Dorf arbeiten. Unsere Burschen begründeten ihre Stellungnahme damit, indem sie uns vorwarfen, sie kämen beim Tanzen während unseres Regimentes jeweilen ins Hintertreffen, wir zögen ihnen die fremden Burschen vor. Etwas mag schon wahr sein an dieser Behauptung.»
«Auch die Sex-Welle scheint vor unserem Dorf nicht Halt zu machen»
Im Oktober 1956 trauerten die Meisterschwander Meitli um ihren Fahnengötti Eugen Bircher. Seit den 20er-Jahren hatte dieser kaum einen Meitlisonntag verpasst. «Ich bin immer stolz auf meinen Titel Fahnengötti des Meitlisunntig», schrieb er dem Vorstand der Vereinigung einmal. «Das ist ein Titel, den ja wenige erreicht haben, und keiner von unsern Bundesräten kann mir diesen Rang streitig machen.» Im November sagte man den Umzug für den folgenden Januar ab, nachdem die sowjetische Armee den Volksaufstand in Ungarn blutig niedergeschlagen hatte.
Wegen der Maul- und Klauenseuche untersagte das Bezirksamt Lenzburg die Meitlitage 1966. In einem anonymen Flugblatt riefen «einige Mädchen von Meisterschwanden und Fahrwangen» dazu auf, am Donnerstag trotzdem zu feiern. Die Vorstände aus beiden Dörfern sahen sich daher zur Klarstellung gezwungen, man respektiere die Verfügungen des Bezirksamts. 1968 zog sich der Anlass dafür über zwei Wochenenden hin, nachdem der Umzug wegen starken Schneefalls kurzfristig um eine Woche verschoben wurde. Der Anlass wurde zum grossen Erfolg, nachdem das emanzipatorische Motto «Eva hat viele Gesichter» im Vorfeld nicht bei allen Männern gut angekommen war. Dass sich gesellschaftliche Entwicklungen auch im Seetal bemerkbar machten, zeigt auch eine Bemerkung von 1971 im Protokollbuch: «Auch die Sex-Welle scheint vor unserem Dorf nicht Halt zu machen. Einige Damen genierten sich nicht, in duftigen Nachthemden aufzukreuzen.»
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Kampflustige Seetalerinnen am Meitlisonntag 1959. (Protokollbuch) -
Beim Kantonsjubiläumsfest 1953 in Aarau zeigt die Meitlisonntagsvereinigung unter anderem die Seetaler Tracht. (Protokollbuch) -
Der Männerfang gehört zum Meitlisonntag, wie hier 1964. (Protokollbuch) -
Friedensverhandlung: Zum 250-Jahr-Jubiläum des Zweiten Villmergerkriegs wird 1962 das Theaterstück aus dem Jahr 1937 erneut aufgeführt. (Protokollbuch) -
Das Protokollbuch 1936–1971 bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Geschichte des Meitlisonntags.
Hier geht es weiter:
- Beitrag zum Meitlisunntig in der digitalen Ortsgeschichte Meisterschwanden
- Website der Meitlisonntagsvereinigungen Meisterschwanden und Fahrwangen
- Eintrag im Historischen Lexikon der Schweiz zu Fahnengötti Eugen Bircher
- Bundesamt für Kultur, Immaterielles Kulturerbe der Schweiz