Meisterschwanden hebt ab
Zeitstrahl: 1921
Der 17. Juli 1921 verspricht ein Spektakel, wie es das Seetal noch nie gesehen hat. Aus allen Richtungen strömt das Publikum an diesem Sonntag nach Meisterschwanden. Die Dampfschiffgesellschaft und die Wohlen-Meisterschwanden-Bahn leisten Extrafahrten, Pferdewagen und Autos treffen ein, der Velopark wächst stetig an. Die grosse Attraktion: zwei Wasserflugzeuge der Luftverkehrsgesellschaft Ad Astra Aero, die vor dem Strand beim Delphin unermüdlich zu Passagier-Rundflügen abheben und wieder zurückkehren.
Die Zahl der Zuschauerinnen und Zuschauer, die das Schauspiel am Hang oberhalb des Seeufers mitverfolgten, ging in die Tausende. Damit der Flugtag zum «zeitgemässen Volksfest» wurde, wie es der Berichterstatter des im Aargauer Tagblatt ausdrückte, hatten die Verkehrsvereine Meisterschwanden, Fahrwangen und Bünztal-Seetal für ein passendes Rahmenprogramm mit Verpflegung, Musik und Tanzboden gesorgt. 108 Fluggäste wagten sich in die Luft – ein Rekord. Nie zuvor hatte die Ad Astra so viele Passagiere an einem Tag befördert. Einer der beiden Piloten, Henry Pillichody, sollte tags darauf den ersten Passagierflug über die Alpen vornehmen. Es war die Pionierzeit des Luftverkehrs. Weil es noch an Flugplätzen fehlte, feierten Wasserflugzeuge ihre grosse Zeit. Die Swissair-Vorgängergesellschaft Ad Astra träumte vom Linienflugverkehr, kämpfte aber mit der Rentabilität. Mit Flugtagen wie am Hallwilersee wollte sie die Luftfahrt popularisieren und das Vertrauen ins neue Verkehrsmittel stärken.
Dieses Ziel wurde in Meisterschwanden erreicht, wenn man dem Tagblatt-Reporter glauben darf. «Jeder, der einen Flug hinter sich hatte, entstieg dem metallenen Vogel mit einem inneren Jubel, der sich gar nicht in Worte fassen lässt», schrieb er. «Der Berichterstatter konnte selbst feststellen, wie falsch und ungerechtfertigt jede Ängstlichkeit gegenüber dem Fliegen ist. Er war auf Angstgefühle gefasst; doch nichts von Herzbeklemmung und Schwindelgefühl! Sicher wie in Abrahams Schoss gings in die Lüfte hinauf. Ein kurzer Tanz des Flugzeugs auf dem Wasser, dann sinkt plötzlich der Wasserspiegel. Wir schweben. Aufwärts, himmelwärts!»
Auch in der Bevölkerung hinterliess der Anlass einen bleibenden Eindruck. Als der Chef des Organisationskomitees, der Wohler Grossrat Albert Furter, wenige Monate später im Alter von 44 Jahren an einer Lungenentzündung starb, wurde er für den Flugtag mit einem Gedenkbrunnen beim Delphin geehrt. Dass Furter auch Verwaltungsratspräsident der Wohlen-Meisterschwanden-Bahn gewesen war, blieb auf der Erinnerungstafel unerwähnt.
Der Flugtag von 1921 sollte am Hallwilersee nicht der letzte gewesen sein, im Lauf der 20er-Jahre folgten weitere. Am 30. August 1931 kam es nochmals zu einer Grossveranstaltung, nachdem der Termin wetterbedingt zweimal verschoben werden musste. Neben Passagierflügen standen diesmal auch Akrobatik- und Segelflüge, Ballonjagden, Wettschwimmen und der Auftritt einer Fallschirmspringerin auf dem Programm.
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Chefpilot Henry Pillichody (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz) -
Ehemaliger Gedenkbrunnen für Albert Furter, OK-Präsident des Flugtages 1921 (Foto Gemeinde Meisterschwanden) -
Flugtag am Hallwilersee 1921 beim Delphin (Sammlung Heinz Aebi) -
Flugtag mit Zuschauern am Munihübel beim Delphin (Sammlung Heinz Aebi) -
Plakat zum Flugtag 1921 (Verkehrhaus Luzern) -
Inserat für den Flugtag am Hallwilersee im Aargauer Tagblatt vom 15. Juli 1921
Hier geht es weiter:
- Meyer, Benedikt: Im Flug. Schweizer Airlines und ihre Passagiere 1919–2002. Zürich 2015
- Tilgenkamp, Erich: Schweizer Luftfahrt. Die Geschichte der schweizerischen Luftfahrt, 3 Bände. Zürich 1941–1943.
- Weder, Hans: Startbereit. Die Entstehung des LinienLuftverkehrs in der Schweiz 1919–1939. Embrach 2019.